Erfahrungsbericht Perspektivwechsel

Hof Sißmann – Marina Struck

„Abwechslung pur“ war das Motto meines einwöchigen Perspektivwechsels, den wir, das 2. Ausbildungsjahr, erstmalig durchführen durften.

Als wir Vorschläge für unsere 'Berufswahl' abgeben durften, fiel mir direkt die Landwirtschaft ein, da ich mir diese Branche besonders interessant vorstellte. Die Volksbank ist sehr dankbar, dass sich Wilhelm und Martin Sißmann, die sich seit drei Jahren die Leitung ihres Betriebes teilen, bereiterklärten, mich aufzunehmen.

Spezialisiert ist die WM Milch Sißmann GbR auf Rindviehhaltung mit ca. 750 Rindern, davon sowohl Zucht- als auch Mastviehhaltung. Die Milchproduktion der Kühe und Schlachtungen von Mastrindern stehen im Mittelpunkt. Einmal im Jahr, zum Kurbanopferfest, werden sogar ca. 200 junge Rinder nach dem Brauch der muslimischen Kultur professionell geschlachtet.

Mein erster Tag auf dem Bauernhof begann um 8 Uhr morgens. Ich durfte direkt mit anpacken – Kühe melken stand auf dem Plan. Die 250 Kühe, die täglich zweimal auf dem Kuhkarussell gemolken werden, geben ca. 7000 Liter Milch am Tag, das entspricht ca. 2,5 Mio. Liter im Jahr. Eine sehr hohe Menge, mit der ich nicht gerechnet hätte.

Nach dem Melken warteten die Kälber, die wir mit frischer Milch fütterten. Das war Tag für Tag ein kleines Highlight für mich, da ich die Arbeit mit Tieren liebe und die Kälber wirklich zum knuddeln waren.

Einmal im Monat wird die Milchleistung der zu melkenden Kühe bestimmt. Hierfür nimmt eine Mitarbeiterin des Landeskontrollverbandes (LKV) eine Probe von der Milch einer jeden Kuh und bestimmt den Fett- und Eiweißgehalt sowie die Menge.

Am Dienstag trafen sich Spezialberater der Landwirtschaftskammer auf dem Hof. Diese haben mehrere Fortbildungstage im Jahr, an denen jeweils ein Betrieb zur Besichtigung ausgewählt wird – dieses Jahr der Hof Sißmann. Neben einer Vorstellung der Örtlichkeit, stehen der Austausch zwischen den Beratern und auch praktische Tests im Mittelpunkt. Es war wirklich sehr interessant dabei zu sein und die Meinung so vieler 'Experten' zu hören.

Sehr beeindruckend fand ich, welches Gespür die Landwirte im Laufe der Zeit für die Tiere entwickelt haben. Auf einen Blick können sie Veränderungen oder Auffälligkeiten sehen, was das Verhalten oder den Zustand der Tiere angeht. So haben wir täglich die Kühe ausgewählt, die bullig waren, und somit besamt werden können, die Klauen der Tiere geschnitten und gepflegt, sowie auffällige Tiere zur Erholung von der Herde getrennt und behandelt.

Am Donnerstag stand dann etwas auf dem Plan, das sich auch auf meinen Beruf bezieht – ein Unternehmensberater der Landwirtschaftskammer kam auf den Hof, um einen Betriebsentwicklungsplan aufzustellen. Wir saßen mehrere Stunden zusammen, haben einen Ist- und Soll-Zustand des Betriebs ermittelt und dann mehrere Alternativen aufgezeigt, wie man zukünftige Investitionen am besten finanziert. Ich hätte nicht gedacht, dass neben der Praxis auf dem Hof auch so viel Strategie und Organisation erforderlich ist. Die Arbeit als Landwirt ist alles andere als einfach. Es gibt viel, was es zu beachten gilt und ebenso viel zu tun. Es ist wichtig zu bedenken, dass der selbstständige Landwirt jede Entscheidung selbst trifft und für jede dieser die volle Verantwortung trägt.

Auch wenn es gewöhnungsbedürftig ist, gehört es trotzdem dazu und war auch Bestandteil meiner Hofwoche: Die Schlachtung. Neben dem Kurbanopferfest werden auf dem Hof im Jahr durchschnittlich 100 Tiere anderer Höfe geschlachtet. Ich stellte mir die Tötung der Tiere im Vorfeld wesentlich schlimmer vor, als es in der Realität war. Denn die Tiere werden vor der Schlachtung durch einen Bolzenschuss betäubt.

Der Vorteil des Perspektivwechsels für den landwirtschaftlichen Betrieb ist, dass die Bindung zur Bank gestärkt wurde, welche man als selbstständiger Betrieb an seiner Seite braucht. Es ist wichtig, dass die Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit ihnen wissen, wie es auf dem Hof zugeht.

Mir hat der Perspektivwechsel sehr viel Freude bereitet. Ich wurde sehr herzlich bei der Familie Sißmann aufgenommen und habe mich zu jeder Zeit wohl gefühlt. Neben vielen Erfahrungen, die ich für mich sammeln konnte, kann ich diese auch sehr gut in meinen Bankalltag einfließen lassen, wenn es irgendwann mal in die Privat- oder Firmenkundenberatung geht. Das Projekt war für alle Beteiligten ein Gewinn!